Kiezspaziergang durch Nordschöneberg

 

Für den 10. August bot Ralf Olschewski eine Führung durch den Kiez von Nord-Schöneberg an. Das Angebot fand Anklang: Wir waren zwanzig Personen, die sich um 17.45 Uhr oben auf dem Bahnsteig Gleisdreieck trafen. Vom Bahnsteigende hatten wir eine gute Aussicht über das Gelände.

Der Spaziergang begann am Park Gleisdreieck. Das ist weniger ein Park in klassischen Sinne als vielmehr eine Grün- und Erholungsanlage entlang den S-Bahngleisen. Sie geht vom Landwehrkanal bis zur Monumentenbrücke. Die 31,5 Hektar große Grünanlage wird von Bürgerinnen und Bürger sehr gut angenommen: Wir kamen gegen 18.00 Uhr dort an und auf den Rasenflächen tummelten sich Kinder, Jugendliche, Erwachsene zum Spielen, Grillen, Plaudern….

Weiter ging es unter dem Viadukt der U-Bahn zum Bülowbogen. Unterwegs machte Ralf und auf eine Kuriosität aufmerksam: Die Bahn fährt im ersten Stock durch das Wohnhaus. Daran muss man sich als Hausbewohner bestimmt gewöhnen. Eine zweite Hausdurchfahrt am Dennewitzplatz wurde 1943 zerstört.

Weiter ging es zur Potsdamer Straße – eine der wichtigen Nord-Süd-Verbindungen im Bezirk Tempelhof-Schöneberg.  Die Potsdamer ist eine geschichtsträchtige Straße: Sie ist ein Teil der ehemaligen Reichsstraße 1, die von Aachen bis Königsberg führte. Im nördlichen Teil – Richtung Kanal – waren Verlage zu Hause.  Der Tagesspiegel und das Stadtmagazin Zitty und die Zweite Hand waren hier ansässig. Der Ernst-Rowohlt-Verlag und der Verleger Samuel Fischer hatten hier eine Adresse. Der Galerist und Verleger Herwarth Walden gab hier seine Kulturzeitschrift „Der Sturm“ heraus – ein Sprachrohr für die deutsche Avantgarde des beginnenden 20. Jahrhunderts.  

Vor und nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich dieser Straßenteil zum Rotlichtviertel. Was so beschönigend klingt ist für die Anwohnerinnen und Anwohner rund um die Potsdamer Straße längst zum Ärgernis geworden. Die Prostitution mit all ihren Begleiterscheinungen breitete sich immer mehr aus. Erst in den letzten Jahren verändert sich das Gesicht des Viertels: Es entstanden und entstehen neue Wohnhäuser – auch im gehobenen Mietsegment, ein Verdrängungsprozeß setzt sich in Gang.

Ein Blick nach oben zeigt den Spaziergängern die Hochbahn zwischen Nollendorfplatz und Bülowstraße. Das Bahnteilstück wurde erst nach dem Mauerfall wieder als Bahn reaktiviert; vorher war der Bahnhof Bülowstraße ein bei Berlinern und Touristen gleichermaßen beliebter Flohmarkt.

Wir liefen die Potse (Berliner Jargon) hinunter bis zur Winterfeldtstraße und bogen dort in die Straße ein. Linker Hand steht das ehemalige Fern- und Telegrafenamt – später Fernmeldeamt 1. Der massive rote Klinkerbau beherbergte einst Europas zweigrößte Vermittlungsstelle für Telefonie und Telegrafie. Hier arbeiteten die „Fräuleins vom Amt“.

Eine persönliche Bemerkung: Als ich bei der Post (damals gehörte das Fernmeldewesen noch dazu) meine Berufskarriere begann, musste ich auch ein Vierteljahr in der Auskunftsstelle arbeiten – das war der übliche Beginn einer Anfängerin im Fernmeldewesen. Weiter ging es zum Winterfeldtplatz. Auf dem Platz ist eine der wenigen freistehenden katholischen Kirchen in Berlin: Sankt Matthias. Auf dem Platz ist jeden Mittwoch und Samstag Wochenmarkt - sehr beliebt bei Anwohnern und Touristen; nicht zuletzt auch wegen des großen Angebots an Kneipen, Cafés und Restaurants. Natürlich hat der Betrieb auch seine Schattenseiten: Passanten- und Autolärm bis spät in die Nacht. Aber wer in einer Millionenstadt so zentral wohnt, der bleibt von Problemen kaum verschont.

 

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